HARTE ZEITEN



Bibione, Italien, 1987. Ein glühend heißer Tag am Strand. Neben mir der Walkman mit einem meiner berühmten Mixtapes, voll mit Thrash Perlen. Mein Kumpel Leif, ebenfalls zu damaliger Zeit den harten Klängen verfallen, reicht mir eine seiner Kassetten mit dem Hinweis, ich solle mir doch einfach mal den ersten Song reinziehen und meine Meinung kundtun. Starke Riffs, keifende Vocals und ein tierisch einprägsamer Refrain. Mit „Terror squad“ lernte ich Artillery kennen und lieben.

Davon mal abgesehen, das besagtes Album aus dem April 1987 permanent in irgendwelchen Listen der döfsten Coverartworks auftaucht, dreht dieses Juwel bis heute die eine oder andere Ehrenrunde auf meinem Plattenteller und auch das 2 Jahre zuvor veröffentlichte Debüt „Fear of tomorrow“ gehört zu meiner Sammlung einprägsamer Jugenderinnerungen. Ja, Artillery sollte die Zukunft gehören, was die Major Labels ebenso sahen, die Dänen mit einem fetten Vertrag ausstatteten und somit ermöglichten, dass 1990 mit „By inheritance“ ein Album auf den Markt geworfen wurde, welches die Krönung in der bisherigen Karriere der Stützer Brüder und ihren Mitstreitern darstellte. Doch ausbleibende Erfolge und der Verlust des Vertrages führten dazu, dass urplötzlich 1993 der Stecker gezogen wurde und Artillery in der Versenkung verschwanden. Sollte diese großartige Band tatsächlich nur als Fußnote in die Thrash Geschichte eingehen?

Nicht ganz, denn 1999 raffte man sich noch einmal auf, veröffentlichte ein recht schwaches Album namens „B.A.C.K.“, um sich daraufhin ein Jahr später erneut in den Ruhestand zu verabschieden. 2007 allerdings sollte die Stunde der Wiedergeburt eingeläutet werden, die mit dem grandiosen Riffmassaker namens „When death comes“ starteten die Jungs aus Taastrup erneut durch und tun das bis zum heutigen Tage. Das Ergebnis dieser längsten Periode des Bestehens nennt sich heute „X“, ist, welch eine Überraschung, das zehnte Album von Artillery und zeigt vielen weitaus jüngeren Nachahmern locker ihre Grenzen auf.

Tragisch ist dennoch, dass Gitarrist Morten Stützer dieses nicht mehr miterleben kann, denn der äußerst sympathische Gitarrist, der aufgrund seines schweren Herzleidens schon länger nicht mehr am Bandalltag teilnehmen konnte, verstarb dennoch unerwartet am 02.Oktober 2019 viel zu früh, was die Band im letzten Jahr herzzerreißend mit ihrer Single „The last journey“ verarbeiteten. Von daher ging meine erste Frage direkt an seinen Bruder Michael, wie viel Morten musikalisch und textlich noch im neuen Album steckt…

Ich muss mir erstmal noch all die Demos anhören, die Morten bis zu seinem Tod gemacht hat. Ich kann gar nicht anders. Allerdings haben wir die meisten seiner Ideen nicht auf diesem Album verwendet, da ich einfach noch zu nah an seinem Tod dran war und es noch nicht übers Herz gebracht habe. Aber ich bin mir sicher, dass ich bis zum nächsten Album alles angehört und vielleicht auch musikalisch verarbeitet habe.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schmerzlich der Verlust immer noch ist und denke, Ihr habt Euch mächtig ins Zeug gelegt, um seinen Vorstellungen von Artillery gerecht zu werden. Hand aufs Herz, wäre er mit dem Ergebnis zufrieden gewesen?

Es war eine verdammt harte Zeit und ja, ich war kurz davor komplett mit der Musik aufzuhören, doch Morten hat mir immer wieder gesagt, dass es auch ohne ihn mit Artillery weitergehen und die Band am Leben erhalten werden muss. Ja, es war alles sehr hart aber ich glaube, er wäre verdammt stolz auf die Scheibe, wenn er sie heute noch hören könnte.

Wie schwierig war es für Dich, erstmals Songs ohne Deinen Bruder zu komponieren?

Unser neuer Gitarrist Kræn hat ganze vier Songs geschrieben, unser Basser Peter einen und ich war für sechs Stücke verantwortlich. Daran erkennst Du, wie viel mir die Jungs geholfen haben. Michael (Bastholm Dahl-Vocals) schrieb dazu alle Texte und unser Drummer Josh hat immer wieder neue Sachen ausprobiert und experimentiert.

Wie seid Ihr als Band durch die momentan vorherrschende Pandemie gekommen? Dänemark hatte ja eine lange Zeit eine Vorbildfunktion in Sachen Corona Bekämpfung. Außerdem muss es doch auch mal ganz schön gewesen sein, nach Schließung der Grenzen nicht mehr so viele Deutsche im Land zu haben, oder?

Natürlich war das eine sehr seltsame Situation mit der Pandemie bei uns in Dänemark, aber die Regierung hat ziemlich schnell und hart reagiert, alles heruntergefahren, womit die Ausbreitung im Gegensatz zu vielen anderen Ländern im Rahmen gehalten wurde. Aber natürlich haben wir es vermisst, und vermissen es immer noch, Shows zu spielen, denn normalerweise sind es 80 bis 100 pro Jahr. Und nein, wir haben absolut keine Probleme mit Euch Deutschen, denn die meisten davon hören eh Metal (lacht).

Wie lange musstet Ihr überlegen, um Euer zehntes Album "X" zu nennen? Klar kann man daran erkennen, dass es sich um Eure zehnte Veröffentlichung handelt, doch stand da vielleicht noch eine andere Idee dahinter?

Das stand schon relativ früh im Raum, als wir Ideen für das nächste Album nach „The face of fear“ sammelten und ja, es passte einfach. Es ist unser zehntes Album und außerdem kann man das X ebenfalls dafür verwenden, unbekannte Dinge oder Sachen, die man so nicht erwartet hat, zu kennzeichnen. Aber einen tieferen Sinn wirst Du nicht finden (grinst).

Ich finde, dass Ihr auf "X" musikalisch Eure härtesten Songs der letzten 10 Jahre draufgepackt habt. Fette Riffs, tolle Melodien und vor allem Euer Sänger Michael Bastholm Dahl in absoluter Hochform. Gute Laune im Hause Artillery?

Vielen Dank für Dein Kompliment. Ich denke, wir haben uns wirklich ein paar sehr starke Sachen einfallen lassen, die wir einerseits sehr gerne live spielen und zum anderen auch selber gerne hören. Wir versuchen immer die Songs so zu schreiben, dass wir ihrer nicht müde werden, sie selbst noch Wochen später zu genießen. Ich bin wirklich stolz auf das Album und bin mir mehr  als sicher, das Morten alle Daumen heben würde, hätte er die Gelegenheit gehabt, die Scheibe noch zu hören. Nochmals Danke Dir.

Auch die Produktion ist glasklar, differenziert, hart und geht mitten in die Fresse. Erzähl mir doch mal was über den Entstehungsprozess…

Seit 2009, als wir „When death comes“ aufgenommen haben, arbeiten wir mit Sören Andersen zusammen und seitdem wird er von Jahr zu Jahr immer besser und dementsprechend denke ich, dass seine Arbeit auf „X“ die beste ist, die er jemals zusammen mit Artillery zustande gebracht hat. Dazu kommt auch noch der Umstand, dass er ein verdammt coller Typ ist, mit dem es einfach Spaß macht, zusammenzuarbeiten. Er hat immer einen Haufen guter Ideen und versucht diese gewinnbringend einzusetzen.

Ich finde es erstaunlich, dass Ihr seit 2009 mit Sören Andersen immer denselben Produzenten habt, dennoch Euer Sound niemals langweilig wird, sondern frisch, abwechslungsreich und immer wieder aufs Neue knackig klingt. Wie haltet Ihr den Mann bei Laune, so dass er immer solch eine tolle Arbeit abliefert?

Er wurde über die ganzen Jahre zu einem sehr guten Freund und hat sich zu einem mehr als hervorragenden Produzenten gemausert. Natürlich ist es dabei nicht ganz unerheblich, das er Artillery und unsere Songs, unseren Stil einfach mag. Aber er produziert ja noch eine ganze Menge anderer Rock Acts und ich glaube deshalb, dass er sich einfach immer wieder darüber freut, wenn er sich bei uns ein wenig austoben kann. Und ich glaube weiterhin, dass ihn unsere Witze einfach glücklich machen (lacht).

Eure Karriere war ja sehr holprig. In der ersten Phase von 1982 bis 1993 habt Ihr drei großartige Alben veröffentlicht. In der zweiten mit "B.A.C.K." lediglich eins, um danach in der dritten ab 2007 noch einmal komplett durchzustarten und sechs wirklich famose Alben aufzunehmen. Blickst Du manchmal im Zorn zurück, was aus Artillery hätte werden können, wenn man nicht diese "Pausen" eingelegt hätte?

Im Zorn nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn wir weitergemacht und permanent Shows gespielt hätten, heutzutage einen weitaus höheren Stellenwert innehätten als jetzt. Aber ich bin einfach froh und glücklich darüber, mit Artillery so eine tolle Band zu haben, mit der ich nach der Pause 6 tolle Platten eingespielt, Gigs in 65 Ländern abgerissen habe und im Endeffekt mehr als zufrieden bin. Und das ist wichtig!

Welches ist Dein Lieblingsalbum aus der ersten und der dritten Phase, ausgenommen dem neuen? Über die zweite Phase brauchen wir wohl, glaube ich, nicht zu sprechen...

(grinst) Stimmt, aber dennoch ist es eine ziemlich schwierige Frage, weil ich auf jedem Album irgendwelche Lieblingssongs habe. Mein Favorit bleibt aber wohl unser Debüt „Fear of tomorrow“, weil damit die Reise begann. Danach stehen bei mir „When death comes“ und auch „The face of fear“ ziemlich hoch im Kurs. Aber wie gesagt, es ist schwierig.

Musst Du manchmal grinsen, wenn Du das Albumcover zu Eurem Zweitwerk "Terror squad" siehst? Viele halten es bis heute für eines der schlechtesten überhaupt. Ich hingegen finde es cool, da es einen hohen Wiedererkennungswert hat...

(lacht) Ich muss dazu sagen, dass das die Idee von NEAT Records war und wir dieses Cover wirklich nie wollten. Aber schlussendlich haben die das durchziehen müssen, weil sie mit dem Venom Album davor unfassbare Verluste eingefahren hatten und einfach die Kohle nicht mehr da war. Das sieht man, glaube ich, recht gut (lacht). Aber es macht auch immer ein wenig Spaß, sich dieses Bild anzuschauen und sich daran zu erinnern, dass es als Nummer 10 der schlechtesten Albumcover aller Zeiten gewählt wurde, hahaha.

Mit Unterbrechungen bist Du seit 1982, sprich seit 39 Jahren im Business unterwegs. Wie wird es weitergehen? Wie groß ist noch Dein Antrieb und wird es nächstes Jahr zum 40jährigen Bestehen von Artillery vielleicht irgendetwas Besonderes geben?

Auf jeden Fall! Natürlich werden wir dieses Jubiläum ausgiebig und gebührend feiern und haben auch schon eine ganze Reihe an geilen Ideen in der Schublade, die wir sogar ziemlich bald bekanntgeben werden. Macht Euch also auf was gefasst!

Michael, ich danke Dir für das Gespräch und ich persönlich hoffe, dass uns Artillery noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Die letzten Worte sollen Dir gehören. Was möchtest Du Euren Fans da draußen noch mit auf den Weg geben?

Ich danke Dir für das Gespräch und nein, es gibt keinerlei Pläne dafür die Artillerie aufzuhalten (grinst). Dafür macht es einfach alles noch zu viel Spaß und um die Welt zu reisen und Musik zu machen ist doch was Herrliches…sofern Corona uns nicht irgendwann wieder ausbremst.

Und natürlich geht mein Dank raus an alle Die Hard Fans, denn Ihr seid alle unglaublich, da Ihr uns für alles, was wir tun und veröffentlichen liebt und respektiert. Ich hoffe, dass wir uns bald wieder on the road über den Weg laufen und Ihr alle da draußen Gefallen am neuen Album findet.



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